Mit klarer Linie und langem Atem
Rot. Regula Gebelein führt gemeinsam mit ihrem Mann das Familienunternehmen Delta Möbel in Haag im St. Galler Rheintal. Als Unternehmerin, vierfache Mutter und Mitglied des RC Werdenberg kennt sie den Spagat zwischen Verantwortung, Alltag und Zukunftsfragen aus nächster Nähe. Stillstand scheint nic
...
Rot. Regula Gebelein führt gemeinsam mit ihrem Mann das Familienunternehmen Delta Möbel in Haag im St. Galler Rheintal. Als Unternehmerin, vierfache Mutter und Mitglied des RC Werdenberg kennt sie den Spagat zwischen Verantwortung, Alltag und Zukunftsfragen aus nächster Nähe. Stillstand scheint nicht ihr bevorzugter Zustand zu sein. Wer Regula Gebelein zuhört, merkt rasch, dass hier jemand spricht, der Verantwortung nicht verwaltet, sondern lebt. Da ist das Familienunternehmen mit seinen rund 60 Mitarbeitern, da sind vier Kinder, ein dichter Alltag, Sport, Entscheidungen, Erwartungen. Und da ist eine Branche, die den Lebensräumen anderer Menschen so nah ist wie kaum eine andere. Im Gespräch erzählt Regula Gebelein, wie sie in das Unternehmen hineingewachsen ist, was Führung für sie bedeutet und wie sie mit den Spannungen zwischen Betrieb, Familie und Zukunft umgeht.Frau Gebelein, Sie sind nicht mit einem grossen Plan ins Familienunternehmen eingestiegen, sondern eher Schritt für Schritt hineingewachsen. Wann wurde Ihnen klar: Das ist längst nicht mehr nur ein Mithelfen – das ist meine Aufgabe? Das war eher ein Hineinwachsen und kein einzelner Moment. Kurz vor der Geburt unserer ersten Tochter war ich zuerst einfach «Hilfe im Hintergrund». Ich musste meine Tätigkeit als Lebensmittelingenieurin wegen der bevorstehenden Niederkunft wenige Wochen früher unterbrechen und langweilte mich kurz. Da bekam ich von meinem Mann schnell ein paar Aufgaben, die ich daheim erledigte. Rund vier Jahre später veränderte sich personell einiges und ich übernahm die Verantwortung für das gesamte Personalwesen – ausgerechnet in der Phase, in der unser viertes Kind zur Welt kam. Rückblickend war das wohl der Punkt, an dem aus Mithelfen Verantwortung wurde. Damals habe ich es aber gar nicht so bewusst wahrgenommen, weil privat und beruflich einfach unglaublich viel gleichzeitig lief. Wirklich klar wurde es mir vermutlich erst im Januar 2015, beim Eurozerfall. Damals war die Stelle des Verkaufsleiters vakant und wir entschieden, dass ich diese Aufgabe interimistisch übernehme. Aus dem Interim wurde bis heute eine feste Rolle. Ab dann war definitiv klar, dass ich nicht nur eine Lücke fülle – ich gestalte mit. Sie führen Delta Möbel gemeinsam mit Ihrem Mann. Was ist das Besondere daran, ein Unternehmen als Ehepaar zu tragen – und wo braucht es ganz bewusst Abgrenzung? Das Besondere und der Vorteil ist, dass man dasselbe Ziel hat. Das heisst aber nicht automatisch, dass es einfach ist. Mein Mann und ich sind charakterlich sehr unterschiedlich und unsere Vorstellungen vom Weg zum Ziel sind nicht immer deckungsgleich. Das kann bereichernd sein, ist aber im Alltag auch immer wieder herausfordernd. Ein grosser Vorteil ist sicher, dass mein Mann meine private Situation mit vier Kindern kennt und versteht. Spezielle Arbeitszeiten oder eine gewisse Flexibilität sind dadurch eher möglich. Gleichzeitig ist es nicht immer einfach, wenn berufliche Herausforderungen und private Partnerschaft so eng miteinander verbunden sind. Abgrenzung braucht es deshalb ganz bewusst: im Geschäft durch klare Arbeitsbereiche und Verantwortlichkeiten, privat durch Aktivitäten, Familie, Hobbys und Zeiten, in denen das Unternehmen nicht im Mittelpunkt steht. Ganz trennen lässt es sich aber nicht. Sie tragen Verantwortung für ein Familienunternehmen mit langer Geschichte und sind zugleich Mutter von vier Kindern. Wie gelingt es Ihnen, zwischen Betrieb und Familie nicht zerrieben zu werden? Ich glaube, es gelingt nur, wenn man akzeptiert, dass nicht immer alles perfekt sein kann. Auf meiner Heimfahrt gibt es einen Bahnübergang. Der ist für mich fast wie eine innere Grenze: Bis dort bin ich noch im Geschäft, danach versuche ich bewusst umzuschalten und gedanklich zu Hause zu sein. Das funktioniert recht gut. Ein Vorteil ist sicher, dass ich keine Perfektionistin bin. Ich habe es gerne korrekt und ordentlich, aber mit einem Unternehmen und vier Kindern darf man die Ansprüche nicht ins Unermessliche schrauben. Es gibt Momente, da sollte man eigentlich überall gleichzeitig sein. Dann hilft nur nüchtern zu entscheiden: Was hat jetzt wirklich Priorität? Und vielleicht klingt es etwas ungewohnt, aber an erster Stelle stehe ich selbst. Mir muss es gut gehen, damit ich für die Familie und das Unternehmen überhaupt belastbar bin. Deshalb haben auch in strengen Zeiten eine Joggingrunde, eine Wanderung oder ein Frauenabend ihren festen Platz. Besonders in den Bergen und beim Sport tanke ich Energie – vom Berglauf über Hochtouren bis zu Skitouren, oft auch gemeinsam mit meinen Kindern. Das hilft mir, Abstand zu gewinnen und den Kopf frei zu bekommen. Dazu kommen genügend Schlaf und eine einigermassen ausgewogene Ernährung. Nicht übertrieben konsequent, aber so, dass es mir gut tut. Ihr Alltag wirkt dicht organisiert und zugleich erstaunlich selbstverständlich. Haben Sie Ihren eigenen Rhythmus gefunden – oder bleibt Vereinbarkeit am Ende doch ein tägliches Austarieren? Inzwischen habe ich meinen eigenen Rhythmus gefunden – mit der nötigen Flexibilität. Mein Alltag ist ziemlich genau geplant: geschäftliche Termine ebenso wie private Verpflichtungen. Und dazwischen läuft das ganz normale Familienprogramm: haushalten, vorkochen, waschen, organisieren. Ich versuche dabei, alles möglichst einfach und effizient anzugehen. Das gilt privat und beruflich. Unnötige Wege vermeiden, nichts verlegen, nicht suchen müssen, Dinge direkt erledigen: Das klingt banal, macht im Alltag aber einen grossen Unterschied. Vereinbarkeit bleibt trotzdem ein tägliches Austarieren. Sie sprechen offen darüber, dass Verantwortung einen verändert. Was hat sich bei Ihnen im Lauf der Jahre als Führungskraft am stärksten gewandelt? Mit den Jahren wird man selbstsicherer, weil man Erfahrungen gesammelt hat – auch schwierige. Ich war schon früher authentisch und ehrlich, aber heute bin ich es noch bewusster. Ich traue mich eher, direkt zu sagen, was ich wahrnehme, und ich kann auch offen sagen, was ich selbst nicht gut kann. Zu den eigenen Schwächen zu stehen, gehört für mich ebenfalls zu guter Führung. Verändert haben sich aber auch die Mitarbeitenden. Anliegen werden heute schneller und direkter formuliert. Gleichzeitig ist es wichtiger geworden, Abmachungen, Erwartungen und Probleme klar festzuhalten. Das mache ich heute früher und konsequenter. Der Grund dafür ist nicht Misstrauen, sondern die Überzeugung, dass Klarheit allen hilft und später unnötigen Aufwand vermeidet. Die Arbeitswelt hat sich stark verändert: Mitarbeiter erwarten heute anderes als noch vor zehn oder zwanzig Jahren, jüngere Generationen ticken oft anders als frühere. Was fordert Sie daran am meisten? Die Veränderungen in der Arbeitswelt spüre ich stark. Und das nicht nur bei den Jüngeren. Mir ist wichtig: Man sollte keinesfalls pauschal negativ über junge Menschen reden. Es gibt viele lässige, engagierte und lernwillige Jugendliche, die Freude machen und tolle neue Ideen bringen. Schwierig finde ich eher eine Grundhaltung, die manchmal vermittelt: «Ich habe auf nichts wirklich Lust.» Mit Passivität tue ich mich schwer. Lieber habe ich jemanden mit Ecken und Kanten, an denen man gemeinsam noch etwas feilen muss, als jemanden ohne Eigeninitiative. Gleichzeitig fordern auch ältere Generationen und langjährige Mitarbeitende. Dort ist die Herausforderung oft eine andere: Manche sind weniger offen für Neues, halten an alten Mustern fest und übersehen, dass sich die Arbeitswelt in den letzten Jahren stark verändert hat – auch in der Möbelbranche. Führung heisst für mich deshalb heute mehr denn je, an beide Seiten zu denken: den Jungen Orientierung und Verbindlichkeit zu geben und die Erfahrenen für Veränderung zu öffnen. Delta Möbel bewegt sich in einer Branche, die den Lebensräumen der Menschen besonders nah ist. Was beobachten Sie: Wie haben sich die Ansprüche der Kunden an ihr Zuhause in den vergangenen Jahren verändert? Die Ansprüche haben sich deutlich verändert. Früher wurde häufiger eine ganze Einrichtung auf einmal gekauft. Heute wird ein Zuhause eher Schritt für Schritt weiterentwickelt. Kunden kaufen gezielter: lieber weniger, dafür bewusst ausgewählt und in guter Qualität. Auch der Kaufprozess ist anders geworden. Die Kunden kommen weniger oft ins Möbelhaus. Die Vorselektion und Vorinformation findet meist online statt. Wenn sie dann zu uns kommen, sind sie oft schon sehr gezielt unterwegs und kaufen bei einem, höchstens zwei Besuchen. Stilistisch hat sich ebenfalls viel verschoben. Massivholz ist weniger gefragt als früher, klassische Wohnwände sieht man kaum noch. Viele Menschen möchten heute leichtere, flexiblere Lösungen, die zu ihrem Alltag passen und sich später ergänzen lassen. Gleichzeitig sind die Erwartungen an die Beratung stark gestiegen. Kunden erwarten ein Verkaufsteam mit hohem Fachwissen, gutem Gespür und ehrlicher Beratung. Man muss erkennen, was jemand wirklich sucht – manchmal auch zwischen den Zeilen. Gute Beratung heisst heute, mitzudenken, auf Details aufmerksam zu machen und Sicherheit zu geben. Wenn Menschen einrichten, entscheiden sie nie nur über Möbel, sondern auch darüber, wie sie leben wollen. Was, glauben Sie, verrät die Art des Wohnens über eine Gesellschaft? Ich glaube, die Art, wie Menschen wohnen sagt einiges darüber aus, wie sie leben. Früher war Wohnen häufig stärker repräsentativ: grosse Wohnwände, komplette Einrichtungen, «man hat gezeigt, was man hat». Heute wünschen sich viele eher ein Zuhause, das Ruhe gibt, praktisch funktioniert und persönlich wirkt. Man merkt auch, dass die Menschen flexibler geworden sind. Wohnungen und Häuser müssen heute vieles gleichzeitig können: Rückzugsort, Familienraum, Arbeitsplatz, Treffpunkt. Entsprechend wichtiger werden Gemütlichkeit, gute Materialien und eine Einrichtung, die zum eigenen Alltag passt und nicht einfach nur schön aussieht. Gleichzeitig lebt unsere Gesellschaft schneller als früher. Trends wechseln rascher, Inspiration kommt ständig über soziale Medien und dadurch verändern sich Wohnstile heute viel schneller als noch vor zehn oder zwanzig Jahren. Familienunternehmen stehen heute zunehmend unter Druck – durch Kosten, Konsumverhalten, Digitalisierung und wachsende Bürokratie. Was braucht es, damit ein Unternehmen wie Ihres auch in Zukunft stark bleibt? Damit ein Familienunternehmen wie unseres stark bleibt, muss man sehr wach und aktiv bleiben. Die Kundenfrequenz ist nicht mehr dieselbe wie früher. Viele Möbel sind günstiger geworden, werden auch online angeboten und lassen sich direkt vergleichen. Dadurch steht auch der Umsatz stärker unter Druck. Umso wichtiger ist es, die Kosten gut im Griff zu haben, das Sortiment laufend zu prüfen und neue Themen in Angriff zu nehmen. Dazu gehören für uns Projekte wie ein Online-Shop oder eine stärkere Präsenz in den sozialen Medien. Man muss bereit sein, sich zu bewegen, ohne dabei die eigene Art zu verlieren. Wir bleiben bei dem, was uns einzigartig macht. Wir planen und realisieren Einrichtungen im mittleren bis oberen Preissegment, mit einer grossen, schönen Ausstellung, sehr guter Beratung und tadellosem Service. Es gibt nur noch wenige familiengeführte Schweizer Möbelhäuser. Wir sind stolz, eines davon zu sein. Wenn Sie auf die nächsten Jahre blicken: Was wünschen Sie sich für Ihr Unternehmen, für Ihre Familie und vielleicht auch ganz persönlich für sich selbst? Für unser Unternehmen wünsche ich mir Standhaftigkeit und gleichzeitig eine gute Portion Mut zur Weiterentwicklung. Die Möbelbranche bleibt anspruchsvoll. Um darin zu bestehen, braucht es neben klarer Haltung auch die Bereitschaft, Neues anzupacken. Dafür brauchen wir weiterhin gute Mitarbeitende, die Freude an dieser Branche haben: Menschen, die gerne in der Privatwirtschaft arbeiten, ein familiäres Umfeld schätzen und Möbel, Küchen und schönes Wohnen wirklich mögen. Meiner Familie wünsche ich vor allem Gesundheit. Und unseren jugendlichen Kindern wünsche ich, dass sie ihren eigenen, passenden Weg gehen – privat und beruflich. Sie sollten etwas tun, das ihnen Freude bereitet. Für mich persönlich wünsche ich mir, dass ich die Freude an der Arbeit behalte und weiterhin viel Energie habe. Privat möchte ich noch ein paar sportliche Ziele erreichen und weiterhin viel Zeit in den Bergen verbringen. Frau Gebelein, herzlichen Dank für dieses Gespräch. Zur Person Rot. Regula Gebelein (Jg. 1976) ist Mitglied der Geschäftsleitung der Delta Möbel AG in Haag im St. Galler Rheintal, die sie gemeinsam mit ihrem Mann Willi Gebelein führt. Die vierfache Mutter und ETH-Absolventin in Lebensmittelwissenschaften bildete sich später zur Wirtschaftsingenieurin und zur zertifizierten Verwaltungsrätin weiter. Vor ihrem Einstieg bei Delta war sie unter anderem bei Hilcona und als Zertifizierungsspezialistin bei der SQS tätig. Seit dem 29. Juni 2022 gehört Regula Gebelein dem RC Werdenberg an.