Sommer riecht nach Freiheit, nach langen Tagen und neuen Begegnungen. Doch nicht jedes Kind verbindet diese Jahreszeit mit Ferien. Auch in der Schweiz wachsen viele Kinder in Familien auf, für die eine Reise ausser Reichweite liegt. Das KidsCamp setzt genau hier an – mit einer Woche, die Raum schafft für Gemeinschaft, Unbeschwertheit und neue Erfahrungen.
Anne-Sophie Laumans-Ziegler ist Gründerin des Vereins KidsCamp Switzerland und leitet auch dieses Jahr wieder das Camp zusammen mit Catharina Peyer – ein gemeinsames Projekt von Rotary und Rotaract.
Anne-Sophie, wird Kinderarmut in der Schweiz oft unterschätzt?
Viele sind überrascht, wie viele Kinder auch in einem wohlhabenden Land wie der Schweiz in finanziell schwierigen Verhältnissen leben. Für diese Familien ist der Alltag oft eng getaktet, geprägt von Prioritäten, bei denen Ferien schlicht keinen Platz haben. Genau das erleben wir immer wieder: Kinder, die noch nie verreist sind und den Sommer zu Hause verbringen – nicht aus mangelndem Interesse, sondern weil die Mittel fehlen. Dass diese Realität kein Randphänomen ist, zeigen auch die Zahlen. Mehr als 100000 Kinder leben in Haushalten unterhalb der Armutsgrenze. Besonders betroffen sind Alleinerziehende sowie Familien mit mehreren Kindern. Konkret: Rund ein Viertel der Familien mit Kindern kann sich keine einwöchigen Ferien pro Jahr leisten. Armut existiert leider auch hierzulande häufiger, als man denkt. Mit dem KidsCamp möchten wir Kindern aus solchen Verhältnissen eine unbeschwerte Ferienwoche voller Abenteuer, Freude und vieler toller Erinnerungen bieten.
Warum sind Ferien für Kinder mehr als nur eine willkommene Abwechslung vom Alltag?
Ferien bedeuten für Kinder Freiheit – Zeit ohne Leistungsdruck und ohne Erwartungen. Gerade für Kinder aus belasteten Familien ist das enorm wichtig. Sie können einfach Kind sein, neue Erfahrungen machen, Freundschaften schliessen und Selbstvertrauen entwickeln. Oft sind es kleine Dinge, die viel auslösen: gemeinsam essen, im Team etwas erreichen, Anerkennung erfahren. Diese Erfahrungen wirken weit über die Ferienwoche hinaus.
Wie entstand die Idee des KidsCamps?
Das KidsCamp ist aus dem Wunsch entstanden, Kindern unabhängig von ihrer Herkunft oder finanziellen Situation echte Ferien zu ermöglichen. Rotaract hat das Projekt vor mehreren Jahren initiiert, mit Unterstützung von Rotary. Die Idee selbst ist nicht neu: In Deutschland und Österreich werden ähnliche Camps bereits seit geraumer Zeit durchgeführt; 2021 fand das Projekt erstmals auch in der Schweiz statt. Von Anfang an war klar: Dieses Camp soll kein einmaliges Erlebnis bleiben, sondern langfristig wirken. Um diese Kontinuität zu sichern, wurde im vergangenen Jahr ein Trägerverein gegründet.
An wen richtet sich das KidsCamp konkret?
Das KidsCamp richtet sich an Kinder im Alter von sechs bis elf Jahren, die in Familien mit begrenztem Budget oder in schwierigen Situationen leben. Die Teilnahme ist für die Kinder kostenlos. Entscheidend ist, dass die finanzielle Hürde keine Rolle spielt.
Was erleben die Kinder während dieser Woche?
Im Camp geht es vor allem darum, dass die Kinder eine unbeschwerte Zeit erleben. Sie machen Ausflüge, spielen, basteln und verbringen viel Zeit in der Natur. Klare Strukturen und gemeinsame Rituale geben Orientierung und Sicherheit. Viele kommen zunächst zurückhaltend an – und blühen im Verlauf der Woche regelrecht auf. Man sieht, wie sie mutiger werden, Verantwortung übernehmen und Teil einer Gruppe werden.
Das KidsCamp wird gemeinsam von Rotaract und Rotary getragen. Was macht diese Zusammenarbeit besonders?
Diese Verbindung ist eine grosse Stärke des Projekts. Rotaract bringt viel Energie, Nähe zur Lebenswelt der Kinder und eine grosse Bereitschaft zum Anpacken ein. Rotary sorgt für Kontinuität, Erfahrung und ein tragfähiges Netzwerk. So entsteht eine Atmosphäre, in der die verschiedenen Generationen ganz selbstverständlich zusammenwirken.
Mitglieder der rotarischen Familie fragen sich womöglich, wie sie helfen können.Welche Möglichkeiten gibt es?
Das KidsCamp lebt von unterschiedlichen Formen des Engagements. Ein zentraler Pfeiler ist die finanzielle Unterstützung: Mit einer Spende von 400 Franken wird einem Kind die kostenlose Teilnahme am Camp ermöglicht. Eine wichtige Rolle übernehmen zudem die Partnerclubs. Sie helfen dabei, geeignete Kinder in ihrer Region zu identifizieren und den Kontakt zu den Familien herzustellen. Ebenso wichtig ist der persönliche Einsatz. Während des KidsCamps werden engagierte Mithelfer benötigt, die bei der Betreuung der Kinder, in der Küche oder bei den Aktivitäten mit anpacken. Darüber hinaus spielen auch Botschafter eine wichtige Rolle. Sie tragen die Idee des KidsCamps in ihre Clubs und ihr persönliches Umfeld und helfen so, Aufmerksamkeit für das Projekt und für die Bedürfnisse der betroffenen Kinder zu schaffen.
Was bleibt nach dieser Woche – bei den Kindern, aber auch bei den Helfern?
Bei den Kindern bleibt oft das Gefühl, gesehen und respektiert worden zu sein. Viele nehmen neues Selbstvertrauen mit nach Hause, Freundschaften und die Erinnerung an eine Zeit, in der Sorgen in den Hintergrund treten durften. Und auch bei Helfern wirkt diese Woche nach. Viele berichten, dass sie dadurch eine neue Perspektive gewinnen – auf Gemeinschaft, auf Verantwortung und auf das, was wirklich zählt.
Das nächste KidsCamps findet vom 19. bis 24. Juli 2026 im Berner Oberland statt. Wer mithelfen möchte oder weitere Informationen wünscht, darf sich gern an Anne-Sophie Laumans-Ziegler (Anne-Sophie.Laumans-Ziegler@rotaract.ch) oder Catharina Peyer (catharinapeyer@gmail.com) wenden.
Geben dem Kids Camp ein Gesicht: Philip Geiger, Anne-Sophie Laumans-Ziegler und Moritz Kit