Rotary Jugendaustausch: Jenseits der vertrauten Linien

viernes, 10 de abril de 2026

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Ein Austauschjahr beginnt mit einem Abschied und endet selten mit einer einfachen Rückkehr. Junge Menschen verlassen Vertrautes, überschreiten geografische und innere Grenzen und entdecken dabei nicht nur andere Kulturen, sondern oft auch unbekannte Seiten an sich selbst.

Rot. Susanne Bokorny begleitet den Rotary Jugendaustausch seit vielen Jahren und erlebt aus nächster Nähe, was geschieht, wenn Jugendliche den Mut finden, sich auf die Welt einzulassen. Ein Gespräch über Fremdheit und Wachstum, über Zumutung als Bildungsform – und über die leise Hoffnung auf mehr Verständigung in Zeiten neuer Grenzen.

Liebe Susanne, Grenzen strukturieren unsere Welt – politisch, kulturell, mental. Was geschieht mit jungen Menschen, wenn die vertrauten Linien plötzlich wegfallen?
Gerade zu Beginn, wenn vertraute Strukturen plötzlich wegfallen, erleben viele junge Menschen zunächst einen Moment der Orientierungslosigkeit. Sicherheit, Selbstverständlichkeit und oft auch ein Teil des gewohnten Selbstvertrauens brechen weg. Viele sind zum ersten Mal wirklich weit von zuhause entfernt und spüren erst im Ausland, wie stark sie bisher von Routinen, Nähe, Familie und bekannten Bezugspersonen geprägt wurden.

In dieser Phase können Gasteltern vieles auffangen. Sie bieten einen neuen, verlässlichen Rahmen, geben Halt und schaffen ein Gefühl von Ankommen. Gleichzeitig sind sie meist ganz anders als die eigenen Eltern – und genau darin liegt eine grosse Chance. Diese Unterschiedlichkeit fordert heraus, Gewohntes zu hinterfragen und sich selbst neu wahrzunehmen: Was ist mir wichtig? Wie möchte ich mich verhalten? Wer bin ich ohne die Erwartungen meines gewohnten Umfelds?

Diese Mischung aus Unsicherheit, neuer Unterstützung und dem ungewohnten Blick von aussen führt oft zu einem sehr ehrlichen Prozess der Selbstreflexion. Viele Jugendliche entwickeln ein stärkeres Bewusstsein für ihre Werte, ihre Kompetenzen und ihre persönliche Identität.

Ist ein Austauschjahr in Wahrheit weniger eine Reise in ein anderes Land als eine Reise zu sich selbst?
Für mich ganz klar ja. Das Austauschland spielt zwar eine Rolle – neue Menschen, neue Kultur, ein anderer Alltag, andere Regeln, Sprache. Aber all das ist letztlich nur der äussere Rahmen. Die eigentliche Reise führt nach innen.

Ich sehe immer wieder, wie Jugendliche durch die Distanz beginnen, ihre eigene Prägung zu hinterfragen: Wer bin ich, was gehört zu mir und was habe ich einfach übernommen? Wofür stehe ich – und wovon möchte ich mich lösen? Solche Fragen tauchen zu Hause selten auf, weil vieles zu vertraut ist.

Das Austauschland wirkt dabei wie ein Spiegel: Was zuvor selbstverständlich war, bröckelt. Erst durch das Empfinden des «Anders» werden eigene Prägungen sichtbar. Gleichzeitig entsteht ein Raum, in dem Jugendliche ausprobieren können, wer sie sein möchten – ohne die Erwartungen ihres gewohnten Umfelds.

Viele sagen im Rückblick, dass nicht das Land das Prägendste war, sondern die Veränderung, die sie selbst durchlaufen haben.

Wann wird Fremdheit aus deiner Erfahrung heraus produktiv? Erst wenn man aufhört, sie überwinden zu wollen?
Fremdheit wird dann produktiv, wenn sie Neugier statt Abwehr auslöst. Im Jugendaustausch sehen wir oft, dass gerade ungewohnte Momente Lernprozesse anstossen: Jugendliche hinterfragen ihre eigenen Annahmen und entdecken neue Perspektiven.

Mit der guten Begleitung, die wir bieten, kann Fremdheit zu einer echten Ressource werden – für Verständnis, Empathie und gemeinsame Gestaltung. «Anders» wird nicht als Bedrohung erlebt, sondern als Einladung zum Austausch.

Wer sich in neuen Situationen zurechtfindet, wächst an sich selbst und gewinnt an Selbstvertrauen. Der Slogan «Woanders ist auch daheim» ist deshalb bewusst gewählt.

Viele ehemalige Austauschschüler berichten von einem tiefen Reifungsschub. Worin liegt die besondere Bildungskraft eines solchen Jahres?
Ein Austauschjahr wirkt so stark, weil junge Menschen nicht nur lernen, sondern die Möglichkeit haben, sich selbst neu zu definieren. Sie erfahren andere Lebensformen unmittelbar, entwickeln Selbstständigkeit und wachsen an echten Herausforderungen. Sie erweitern den Horizont, erleben interkulturelle Kompetenz im Alltag und entdecken bestenfalls, wie bereichernd Vielfalt ist. So wird ein Austauschjahr zu einer Erfahrung, die weit über schulisches Lernen hinausgeht.

Diese Erfahrung prägt tiefer als jedes Zertifikat.

Lernen Jugendliche im Ausland vor allem eine neue Sprache – oder vielmehr die Fähigkeit, Widersprüche auszuhalten?
Die Sprache ist wichtig, weil sie der Türöffner zur Kommunikation und zu einer anderen Kultur ist. Wenn man sich unterhalten kann, ist man dabei – man fühlt sich schneller verbunden, auch wenn man nicht alles versteht.

Sie ist der Schlüssel – aber das, was Jugendliche sich damit erschliessen, geht weit darüber hinaus. Sie entdecken neue Denkweisen, andere Formen des Zusammenlebens und ihre eigene Fähigkeit, sich in ungewohnten Situationen zurechtzufinden. Sie lernen, Unterschiede einzuordnen, Grenzen zu überschreiten und erfahren sich selbst neu. Das stärkt Sicherheit und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten – und eröffnet oft erstmals Raum, sich ohne die Unterstützung der Eltern zu entfalten.

Wo verläuft für dich die feine Linie zwischen notwendiger Anpassung und dem Mut, die eigene Prägung zu bewahren?
Wir ermutigen Jugendliche, offen und neugierig zu sein. Im Austausch ist es wichtig, sich auf neue Gewohnheiten und «soziale Codes» einzulassen – das erleichtert Begegnung und zeigt Respekt.

Gleichzeitig sollen sie spüren, dass sie ihre Werte, Überzeugungen und persönlichen Grenzen nicht aufgeben müssen. Die Kunst liegt darin, flexibel zu sein, ohne sich zu verlieren – und genau diese Balance lernen viele im Austausch zum ersten Mal bewusst. Auch die Gastfamilien begleiten wir entsprechend: Sie sollen nicht umerziehen, sondern ihre eigenen Werte klar vermitteln.

Die Jugendlichen sind angehalten, sich auf die neue Kultur einzulassen, ohne zu vergleichen oder zu bewerten. Aus dem, was sie erleben, wählen sie mit der Zeit, was für sie stimmig ist – oft ganz anders, als sie es zu Beginn erwartet hätten.

Wenn Verständigung meist im Kleinen beginnt – am Esstisch, im Alltag, in Freundschaften – ist der Jugendaustausch eine der nachhaltigsten Formen rotarischen Wirkens?
Ja, unbedingt. Der Jugendaustausch hat einen Impact, der weit über das Austauschjahr hinausreicht. Die Erfahrungen prägen junge Menschen oft ein Leben lang – ihre Haltung zu Vielfalt, ihr Verständnis für globale Zusammenhänge und ihr Vertrauen in die eigene Gestaltungskraft.

Viele bleiben Rotary verbunden, etwa durch Rotex oder Rotaract, engagieren sich später selbst gesellschaftlich oder geben ihre Erfahrungen weiter. In diesem Sinne wirkt der Jugendaustausch nicht nur nachhaltig, sondern generationenübergreifend.

Ich begegne immer wieder ehemaligen Austauschschülern, die sagen, dass dieses Jahr ihre Sicht auf die Welt dauerhaft verändert hat. Das ist für mich nachhaltige Wirkung.

Wir erleben eine Zeit, in der Grenzen wieder sichtbarer werden. Wird reale Begegnung dadurch kostbarer?
Unbedingt. Gerade heute, wo Grenzen wieder sichtbarer werden, und internationale Spannungen zunehmen, sind reale Begegnungen und die Freundschaften, die daraus entstehen, kostbarer denn je, weil sie auf gemeinsam erlebter Nähe, Vertrauen und echter Neugier beruhen.

Ein Austauschjahr schafft Verbindungen, die weit über ein Jahr hinausreichen. Viele dieser Freundschaften begleiten junge Menschen ein Leben lang – und sie wirken wie kleine Brücken zwischen Ländern. Diese Beziehungen überdauern politische Stimmungen und zeigen Jugendlichen, dass eine tiefe Verbundenheit nicht vor geographischen Grenzen halt macht. 

Liebe Susanne, wir danken dir herzlich für dieses Gespräch.